DAS ORCHESTER, 2/2010
"Vertikaler Ausdruck eines horizontalen Verlangens
Das WDR Rundfunkorchester präsentierte eine Argentinische-Tango-Nacht
(Volker Bungardt)
Einer der ganz Großen des Argentinischen Tango, Enrique Santos Discépolo, sagte:"Der Tango ist ein trauriger Gedanke, den man tanzen kann", und dem Spötter George Bernhard Shaw fiel zum selben Thema ein: "Der Tango ist der vertikale Ausdruck eines horizontalen Verlangens."
Zwischen diesen Polen bewegte sich augenzwinkernd Redakteur und Moderator Winfried Fechner als Màitre de Plaisir" einer launigen "Argentinischen Tangonacht" im Klaus-von-Bismarck-Saal des Westdeutschen Rundfunks. Im ersten Teil des Abends zelebrierte das erweiterte Cuarteto Argentino aus Buenos Aires wütende und melancholische Stücke aus der Geschichte des Tangos, die anrüchig und dunkel um die Mitte des 19. Jahrhunderts im Hafenviertel dieser Stadt unter Huren und Raufbolden begann. Eine einsam klagende Klarinette (Andy Miles) führte hinein in die Welt der gescheiterter Existenzen und des Liebesschmerzes, die mit rauer Stimme und herrischer Geste der in Tangokreisen berühmte Fernando Rios Palacio in den Saal schleuderte.
Bald wähnte man sich inmitten einer tropischen Sommernacht am Rio de la Plata. Die zwei Bandoneons tönten schrill, die KLarinette, die Gitarre und das Klavier fielen hüpfend und zuckend ein. Der Saal war in düsteres, schummriges Kaschemmenlicht getaucht. Zusätzlich wurden die Gesangstexte auf Deutsch auf eine Leinwand projeziert! Bei so viel Publikumsservice und so viel Musik (fast zwanzig Tangos wurden gespielt) brachen die begeisterten Zuhörer in tosenden Beifall aus.
"Zu einem Thema wie dem Tango greife ich gerne weiter aus", so Fechner zu seiner Idee, im zweiten Konzertteil mit seinem Rundfunkorchester orchestrale Tangos, die sich erst um 1940 entwickelten, zu spielen. La Cumparsita, auch dem Laien bekannt aus Tanztournieren, ist einer dieser in schwelgerischem Streichersound daherkommenden Schlager, die dem Orchester unter der Leitung von Klaus Sallmann üppige Gelegenheit boten, mit Klangsüße und rhythmischer Beweglichkeit zu glänzen. Und zum guten Schluss durfte getanzt werden: Im Kleinen Sendesaal war angerichtet, und alle Tangofans waren eingeladen mitzumachen.
"Unser Rundfunkorchester darf alles spielen außer klassischer und romantischer Sinfonik, und da bleibt eine Menge guter Musik für uns übrig", so Fechner. Und sein Publikum dankt es ihm in stetiger Treue. So entschloss er sich Abo-Reihen aufzulegen wie "Abo Kurzweil klassisch", bei der etwa am Sonntag, 7. März 2010 um 11 Uhr zu "Frühlingsputz mit Pfiff" illistre Gäste eingeladen sind: ein Tap-Dance-Quartett, ein Kunstpfeifer und Haushaltsmaschinen für Malcom Arnolds: A Grand Overture op. 57 für drei Staubsauger, einen Bodenpolierer und Orchester! Oder am 28. April 2010 eine "Italienische Serenade" it Konrad Beikircher, wo der rheinische Humorist von Italien erzählt, mit Stücken aus der Großen Oper und einem Repertoire aus sizilianischen Liedern.
"Mir liegt viel daran, neben solchen Potpourri-Programmen der guten Laune sowohl die qualitätvolle Vergangenheit zu pflegen mit berühmten Beispielen aus Operette und Musical als auch Ideen und die Musik von heute in den Konzertsaal zu bringen", so Fechner.
Für Ersteres steht ein Konzert mit unvergessenen Walzer-Evergreens: "Wein, Weib und Gesang" mit Ausschnitten aus Eine Nacht in Venedig, Die Fledermaus, Zigeunerbaron und anderem im Dreivierteltakt am 16. Mai 2010 mit Solisten, Chor und Orchester. Oder die Aufführung von Paul Abrahams selten gespielter Operette Ball im Savoy am 25. Juni 2010 mit bislang unbekannten, wiederentdeckten Songs und einer prominenten Solistenriege. "Mein Elan ist ungebrochen und in meinem Wiederentdeckungsfieber wird gerade die Operette Glückliche Reise von Eduard Künnecke vorbereitet", schwärmt Redakteur Fechner.
Für den Gegenwartsaspekt steht beispielhaft die Produktion "Symphonic Fantasies", Musik aus japanischen Computerspielen, neu arrangiert für Orchester - ein riesiger Überraschungserfolg vor allem bei der Jugend. Außerdem wird bei jungen Komponisten Begleitmusik zu historischen Stummfilmen in Auftrag gegeben und mit Film live aufgeführt, wie etwa am 6. Februar 2010 für Der Bettler vom Kölner Dom von 1927.
Dazu Winfried Fechner: "Auf diese Weise hat nicht nur das Publikum die Gelegenheit, Orchestermusik von heute kennenzulernen, sondern auch für die Spielkultur des Ensembles ist das ein Segen. Viele unserer Musiker spielen Jazz, und auch diese Erfahrung können wir gut gebrauchen." Nicht zuletzt bei Projekten wie der Zusammenarbeit mit der BBC Big Band am 10. Juli 2010 mit Symphonischem Jazz.
Herausforderungen anderer Art können nur mit Hilfe von Koproduktionen realisiert werden wie beispielsweise die konzertante Aufführung einer Oper, denn Honorare für eine Solistin wie Edita Gruberova lassen sich mit dem Etat des Rundfunkorchesters allein nicht stemmen. So wird es möglich sein, dem Publikum am 6. Juni 2010 Gaetano Donizettis Oper Lucrezia Borgia in Rahmen des Dortmunder Musikfestivals "Klangvokal" vom 11. Mai bis 10. Juni 2010 zu präsentieren.
Übrigens: Das WDR Rundfunkorchester bekommt zum 1. September 2010 einen neuen Chefdirigenten. Der Nachfolger von Michail Jurowski ist der aus Schweden stammende Niklas Willén, und das bedeutet Kontinuität für den Bestand dieses Orchesters."