Begnadeter Violinist Ingolf Turban verzauberte
Iserlohn, 01.11.2010, Rahel Schöttler
Konzert "Paganini Amoroso" im Parktheater
Iserlohn. „Denken Sie sich zurück in den März des Jahres 1828“, lud Ingolf Turban am vergangenen Freitag das Publikum im Parktheater vielversprechend ein.
Man sei, so Turban, wie es die Kulissen in üppigem Dunkelrot schon suggerierten, im Wiener Redouten-Saal und werde einem Konzertabend lauschen, der denen des Niccolò Paganini nachempfunden
sei.
In den folgenden zwei Stunden entführte er als gewinnender Moderator und begnadeter Violinist die Zuhörer in die Welt des berühmten Geigenvirtuosen – und dies zusammen mit der anmutigen
israelischen Sopranistin Chen Reiss und dem WDR-Rundfunkorchester unter der Leitung von Frank Beermann. Dabei zeigte er sich als großartiger und begeisterter Kenner des Italieners und seiner
Zeit.
Chen Reiss übernahm gleichsam den Part der Antonia Bianchi, die in dem Frühsommer 1828 kurzzeitig mit Paganini verheiratet gewesen war und laut aktuellen Konzerttitels seine Muse war. So begann
der Abend mit zwei Arien Mozarts, in denen Ingolf Turban und die Sängerin, beide auf internationalem Parkett zu Hause, musikalisch in einen lieblichen Dialog traten. Schon hier zeigte Chen Reiss,
mit welch vollkommener Beherrschung sie ihren glockenreinen Sopran einzusetzen versteht. Bis in jedes Detail präzise und einfühlsam interpretierte sie die Werke des Abends, darunter auch die
Uraufführung einer Arie Paganinis, die man erst vor kurzem entdeckt hat. Dabei trug sie in für Beethoven nie dagewesener Besetzung mit einer Harfenistin in wunderbarer Schlichtheit ein Kunstlied
Beethovens vor und brillierte zum Schluss mit einer technisch herausfordernden Arie Donizettis, wiederum ausgezeichnet begleitet vom Orchester. Letzteres unterstützte nicht nur gekonnt die
Solisten, sondern brachte im Verlauf des Abends als flexibler und präziser Klangkörper überzeugend zwei bekannte Ouvertüren zu Gehör.
Den zeitweise fast dämonisch wirkenden Paganini bezeichnete man, so Ingolf Turban, gelegentlich als „Hexenmeister“ seines Instrumentes. Das Dämonische war Ingolf Turban gewiss nicht zu eigen – im
Gegenteil: es war erstaunlich, wie entspannt und charmant er moderierte, obwohl er im nächsten Moment mit seiner Geige überaus virtuose Partien zu meistern hatte. Ein wahrer „Zauberkünstler“ aber
ist er wohl zu nennen – denn was er zum Beispiel in den Variationen über die Mozart-Arie „Nel Cor piu non mi sento“ solistisch darbot, ließ fast das Atmen vergessen. Hier wie auch in Paganinis
berühmtem „La Campanella“ faszinierte er mit all den technischen Tücken, die sich Paganini hatte einfallen lassen: unter anderem mit sauberstem Flageolett und vor allem dem rasanten Pizzicato der
linken Hand. Dirigent und Violinist tauschten währenddessen immer wieder Blicke aus, die auf eine besondere Freude am musikalischen Miteinander schließen ließen, was die Hörerfahrung durchweg
bestätigte. Dass dem Musiker zudem die kompositorischen Verrücktheiten des Italieners viel Vergnügen bereiteten, blieb ebenso wenig verborgen. Verabschiedet wurde das begeisterte Publikum mit
einem zarten Duett als Zugabe – nun der gesungenen Mozart-Arie „Nel Cor …“ und dem filigranen Pizzicato der Violine.